Elternunterhalt: Müssen Kinder für die Pflege der Eltern zahlen?
Reicht das Geld im Pflegefall nicht, prüft das Sozialamt die Kinder. Seit 2020 gilt eine 100.000-Euro-Grenze. So rechnest du: Selbstbehalt, Vermögen, Geschwister, Schwiegerkinder.
Von Jonas Meng · fachlich geprüft von Robin Werner
Es ist eine der größten Sorgen bei der Pflege, aus beiden Richtungen: „Muss ich für die Pflege meiner Eltern aufkommen?“ und „Falle ich später meinen Kindern zur Last?“ Seit 2020 liegt die Hürde für den sogenannten Elternunterhalt deutlich höher als früher. Hier steht, wann Kinder wirklich zahlen müssen, wie der Betrag berechnet wird und was bei Geschwistern, Vermögen und Schwiegerkindern gilt.
Wenn das Geld nicht reicht: die Reihenfolge
Kann jemand die Pflegekosten nicht aus eigener Kraft tragen, greift eine feste gesetzliche Reihenfolge:
- Zuerst wird das eigene Einkommen (Rente) eingesetzt, bis auf einen kleinen Eigenbehalt.
- Dann das eigene Vermögen, bis auf einen Schonbetrag von 10.000 € (Stand 2026).
- Reicht das nicht, springt das Sozialamt mit der „Hilfe zur Pflege“ ein.
- Erst danach prüft das Amt, ob es sich das Geld von den erwachsenen Kindern zurückholt (Elternunterhalt).
Genau dieser vierte Schritt hat vielen Familien früher Angst gemacht. Seit einer Gesetzesänderung ist er aber die Ausnahme.
Für Verheiratete reichen die Schritte 1 und 2 weiter, als viele erwarten: Dort zählen Einkommen und Vermögen des Ehepartners mit. Was dabei geschützt bleibt, steht in Ehepartner im Pflegefall.
Das Angehörigen-Entlastungsgesetz und die 100.000-Euro-Grenze
Seit dem Angehörigen-Entlastungsgesetz (in Kraft seit Januar 2020) gilt: Unterhaltsansprüche gegen erwachsene Kinder bleiben unberücksichtigt, solange deren jährliches Gesamteinkommen 100.000 € nicht übersteigt (§ 94 Abs. 1a SGB XII). Die Grenze gilt für jedes Kind einzeln.
Dabei gilt:
- Es zählt das eigene Einkommen des Kindes, nicht das des Ehepartners.
- „Gesamteinkommen“ meint die Summe aller Einkünfte im Sinne von § 16 SGB IV, also nicht nur das Gehalt, sondern zum Beispiel auch Mieteinnahmen und Kapitalerträge.
- Das Sozialamt geht zunächst davon aus, dass die Grenze nicht überschritten wird (Vermutungsregel). Nur bei konkreten Anhaltspunkten wird das Einkommen überhaupt geprüft.
- Liegt das Einkommen darunter, gibt es keinen Rückgriff: Die Kinder müssen nichts zahlen. Die Grenze regelt den Rückgriff des Sozialamts, also den Normalfall bei Pflegekosten.
Wie ist der Reformstand?
In der Politik wird darüber diskutiert, die Grenze wieder zu senken oder zu streichen. Beschlossen ist dazu nichts. § 94 Abs. 1a SGB XII nennt in der am 30. Oktober 2026 abgerufenen Fassung (gesetze-im-internet.de) weiterhin 100.000 €. Konkrete neue Beträge, die in Medien kursieren, sind keine geltende Rechtslage. Was die Pflegereform 2027 sonst ändern soll, steht in Pflegereform 2027: Was sich ändern soll.
Elternunterhalt und Pflegeheim: um welche Summen es geht
Ein Heimplatz kostet bundesweit im Schnitt rund 5.770 € im Monat. Nach Abzug der Leistung der Pflegekasse und des Zuschlags für längere Heimaufenthalte liegt der Eigenanteil im ersten Heimjahr bei durchschnittlich 3.364 € (Stand 1. Juli 2026, vdek-Auswertung). Eine gesetzliche Rente deckt das bei den wenigsten Menschen vollständig. Die Lücke, die nach Rente und Vermögen bleibt, übernimmt zunächst das Sozialamt. Ob es sich diesen Betrag von den Kindern holen kann, hängt an der 100.000-€-Grenze oben und an der Rechnung unten. Was ein Heimplatz im Einzelnen kostet, erklärt Was kostet ein Pflegeheim?.
So wird Elternunterhalt berechnet
Liegt das Gesamteinkommen eines Kindes über 100.000 €, beginnt die eigentliche Berechnung. Sie folgt dem bürgerlichen Recht, nicht dem Sozialrecht. Nach § 1603 BGB ist niemand unterhaltspflichtig, der bei Berücksichtigung seiner sonstigen Verpflichtungen seinen eigenen angemessenen Unterhalt gefährden würde. Wie hoch dieser angemessene Unterhalt ist, orientiert sich an der Düsseldorfer Tabelle.
Der Rechenweg in drei Schritten:
- Bereinigtes Nettoeinkommen ermitteln. Vom Einkommen gehen Steuern, Sozialversicherungsbeiträge, berufsbedingte Aufwendungen, angemessene Altersvorsorge und anerkannte Schulden ab.
- Selbstbehalt abziehen. Dem Kind bleibt zuerst der Selbstbehalt (siehe nächster Abschnitt).
- Vom Rest zahlt das Kind 30 %. 70 % des Betrags über dem Selbstbehalt bleiben ihm.
Beispiel (zur Orientierung): Ein Kind lebt allein und hat nach allen Abzügen 5.500 € bereinigtes Nettoeinkommen im Monat. Davon bleiben ihm zunächst 2.650 €. Über dem Selbstbehalt liegen 2.850 €, davon bleiben ihm 70 %, die übrigen 30 % sind einsetzbar. Als Unterhalt wären rechnerisch höchstens 855 € im Monat zu leisten. Zahlen muss das Kind nie mehr, als das Amt tatsächlich für die Eltern aufwendet. Gibt es mehrere Geschwister, wird der ungedeckte Bedarf nach Leistungsfähigkeit verteilt, und jedes Kind zahlt höchstens bis zu seiner eigenen Grenze (siehe unten).
Das ist eine vereinfachte Beispielrechnung. Wohnkosten, Unterhaltspflichten gegenüber den eigenen Kindern, Rücklagen und Schulden verändern das Ergebnis im Einzelfall deutlich.
Der Selbstbehalt gegenüber den Eltern
Die Düsseldorfer Tabelle (Stand 1. Januar 2026) nennt für den angemessenen Selbstbehalt gegenüber Eltern mindestens 2.650 € im Monat, darin enthalten sind 1.000 € Warmmiete. Zusätzlich bleiben dem Kind 70 % des darüber hinausgehenden Einkommens. Für den mit dem Kind zusammenlebenden Ehegatten sieht die Tabelle mindestens 2.120 € vor, darin 800 € Warmmiete.
Die Düsseldorfer Tabelle ist kein Gesetz, sondern eine Richtlinie der Oberlandesgerichte. Die Gerichte folgen ihr in der Praxis meist, im Einzelfall können sie abweichen. Wer deutlich höhere Wohnkosten hat, kann sie geltend machen.
Vermögen und Schonvermögen der Kinder
Auch Vermögen kann beim Elternunterhalt eine Rolle spielen. Der Bundesgerichtshof schützt dabei aber das, was ein Kind für sein eigenes Alter braucht:
- Eine angemessene Altersvorsorge bleibt in der Regel unangetastet, auch eine zusätzliche private Vorsorge neben der gesetzlichen Rente.
- Das selbst bewohnte Eigenheim muss normalerweise nicht verkauft werden.
- Eine Rücklage für Unvorhergesehenes darf bestehen bleiben.
Eine feste Freibetragsgrenze wie beim Schonvermögen der Eltern gibt es hier nicht, es zählt die Angemessenheit im Einzelfall. Wenn dich das Eigenheim im Pflegefall der Eltern beschäftigt, hilft dir Muss ich mein Eigenheim im Pflegefall verkaufen?.
Geschwister: Wer zahlt wie viel?
Mehrere Kinder teilen sich die Last nach § 1606 Abs. 3 BGB anteilig nach ihrer Leistungsfähigkeit. Wer nach Abzug des Selbstbehalts mehr übrig hat, trägt einen größeren Anteil. Ein Geschwisterkind mit kleinem Einkommen kann ganz außen vor bleiben.
Für den Rückgriff des Sozialamts gilt die 100.000-€-Grenze für jedes Kind einzeln. Verdient ein Geschwisterkind darüber und du darunter, bleibt das Amt bei dir außen vor.
Schwiegerkinder: nicht unterhaltspflichtig
Schwiegertochter und Schwiegersohn sind mit den Eltern des Partners nicht verwandt. Unterhaltspflichtig sind nach § 1601 BGB nur Verwandte in gerader Linie, also Kinder, Enkel und Eltern. Schwiegerkinder zahlen deshalb nichts.
Mittelbar kann das Einkommen des Partners aber eine Rolle spielen: Es beeinflusst, wie die Familie ihre laufenden Kosten teilt und wie viel das eigene Kind danach leisten kann. Wie das im Einzelfall gerechnet wird, klärt am besten ein Fachanwalt für Familienrecht.
Und trotzdem: die emotionale Realität
Rechtlich müssen die wenigsten zahlen, aber viele tun es freiwillig. Wenn ein Elternteil ins günstigste verfügbare Heim müsste oder auf Dinge verzichten würde, springen Kinder oft aus eigenem Antrieb ein: mit Geld, mit Zeit und Organisation. Gesetzlich verpflichtet sind sie dazu nicht, die Situation drängt trotzdem in diese Richtung.
Private Vorsorge setzt genau hier an: Sie nimmt der Familie beide Lasten ab, die rechtliche wie die freiwillige. Umgekehrt lohnt sich auch der Blick darauf, welche finanziellen Leistungen pflegende Angehörige selbst bekommen können. Rentenversicherungsbeiträge für die Pflegeperson und die Verhinderungspflege entlasten oft schon vor dem Elternunterhalt.
Wie Vorsorge das Thema vom Tisch nimmt
Wer die Pflegelücke privat abgesichert hat, muss weder auf das Sozialamt hoffen noch auf die Unterstützung der Kinder bauen. Die private Leistung deckt die Kosten, das Ersparte bleibt, das Haus bleibt, und die Kinder können für dich da sein, ohne zu rechnen. Welche Absicherungsform dafür passt, zeigt unser Vergleich Pflegerente oder Pflegetagegeld?, oder dein Pflege-Check zeigt in zwei Minuten deine persönliche Größenordnung.
So geht’s weiter: Ob und wie sich eine Absicherung für deine Situation lohnt, sagen wir dir ehrlich im kostenlosen Beratungsgespräch, auch dann, wenn sie sich nicht lohnt. Unverbindlich und ohne Verkaufsdruck.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung. Rechtsstand: § 94 Abs. 1a SGB XII in der am 30. Oktober 2026 abgerufenen Fassung (gesetze-im-internet.de); §§ 1601, 1603, 1606 BGB; Düsseldorfer Tabelle, Stand 1. Januar 2026 (OLG Düsseldorf); Heimkosten Stand 1. Juli 2026 (vdek). Maßgeblich sind die gesetzlichen Regelungen im Einzelfall.
Über die Autoren

Verfasst von
Jonas Meng
Versicherungsmakler nach § 34d GewO
Unabhängiger Versicherungsmakler mit Zulassung nach § 34d GewO, eingetragen im Vermittlerregister. Spezialisiert auf die private Absicherung der Pflegelücke — ohne Bindung an einen Versicherer.

Fachlich geprüft von
Robin Werner
Versicherungsmakler nach § 34d GewO
Selbstständiger Versicherungsmakler mit eigener § 34d-Zulassung. Prüft die Ratgeber-Artikel von Pflegevorsorge Deutschland vor Veröffentlichung fachlich.